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2506 days ago | bytebaby |
Ich stand in der Straßenbahn mit angemalter Lederjacke. Ich war unterwegs nach Herne, wollte meinen Freund Micha überraschen, denn so hatte er mich noch nicht gesehen. Meine sehr geliebte Motorradjacke war nicht wiederzuerkennen und in meinen Haaren steckte ordentlich harte Seife. Ich war gespannt auf seine Reaktion.

Der lange Micha hielt sich in seiner Freizeit in der überschaubaren Herner Punkszene auf, was ihm keiner ansah. Aber wenn er über Punkmusik und die letzte Party sprach, leuchteten seine Augen. Er war lang und dürr, ebenso sein Gesicht, er lief immer etwas leicht gebückt und war ein offener, genußsüchtiger Kerl. Ich hatte ihn in der Ausbildung in Wattenscheid kennengelernt. Ich machte in einem mittelständischen Betrieb meine zweite Lehre, diesmal als Elektromaschinenbauer und er war schnell mein erster und einziger Freund dort.

Der Betriebsleiter dagegen war nicht mein Freund. Er schaute mich oft an, als müsste ich in Dankbarkeitstränen ausbrechen. Immerhin hatte ich bereits eine Ausbildung abgebrochen, aber aufgrund meiner dreijährigen berufsschulischen Leistungen drückte man ein Auge zu und gewährte mir einen zweiten Versuch. Und das in meinem Alter! Ich war 21 Jahre alt! Mein erster Lehrversuch als Elektriker lag mehr als ein Jahr zurück - in dem Jahr war ich bei Opel und danach arbeitslos gewesen. Dreieinhalb Jahre hätte ich bei der Klitsche mit dem Überhang an Azubis aushalten müssen, ich hielt aber nur 3 Jahre aus und konnte mir damals nicht vorstellen, ohne die Erholung Berufsschule (Blockunterricht) ein halbes Jahr in einer Firma zu bleiben, die die Lehrlinge im 3. Jahr noch immer zum Gerüsteschieben abstellte. Aber ich hatte noch andere Gründe. Ich war verzweifelt gewesen, weil meine erste große Liebe mich betrogen hatte. Aber das ist eine andere Geschichte.
In dem neuen Betrieb war zuerst alles besser. Keine Versuche mehr, mich beharrlich und unter Drohungen auf wochenlange Montage zu schicken, was ich immer standhaft verweigert hatte. Keine langen Rückfahrten von der Baustelle und danach der Arbeitsweg von mehr als einer Stunde. Kein Bau mehr, der Trostlosigkeit in Beton war. Nur eines stellte sich in der neuen Firma als schlimm heraus: Es war oft sterbenslangweilig dort und ich hasste nichts mehr, als nichts zu tun und anderen bei der Arbeit auf die Finger zu schauen. Höhepunkte der vier Monate dort waren einige Handkranfahrten von mittelschweren Elektromotoren von Ort X auf Tisch Y. Ansonsten viel lähmende Nutzlosigkeit. Der ganze Betrieb war in der einen oder anderen Weise bewegt, als sich meine Absicht herumsprach, die Ausbildung zu schmeissen. Auch Micha staunte, aber er akzeptierte es sofort und dafür war ich ihm dankbar. Er war der einzige und das hatte ich bis dahin auch noch nicht erlebt.
Der Auslöser meines Entschlusses war eine Erniedrigung, die sich der Betriebsleiter aus einer Laune heraus mir gegenüber vor versammelter Mannschaft erlaubte. Ich war nicht schnell genug beim Auspacken und er machte Druck, verunsicherte mich, ließ mir keine Chance, es ihm recht zu machen und spottete. Ich ertrug es schweigend und sah meinen heimlichen immer größer und stärker werdenden Gedanken bestätigt. Ich wunderte mich über mich, über den Mut, der in den Tagen nach der Kränkung immer größer wurde, über die Gleichgültigkeit gegenüber meiner Zukunft, über die plötzlich alle sprachen, in dem sie sie als düster beschworen. Gosse war ein Wort, das ich oft hörte in diesen Wochen. Ich aber dachte oft an die Punks, über die Micha immer schwärmte, als das ich mich davon allzusehr beeindrucken liess. Ich dachte, den Punks könne ich mich anschliessen. Obwohl ich sie nie zuvor gesehen hatte. Es war mir alles egal und ich wünschte mir nichts sehnlicher als endlich die Freiheit der Arbeitslosigkeit. Es würde schon irgendwie weitergehen, Hauptsache erst einmal alles hinter sich lassen.

Schlimmer konnte es auch nicht werden. Ich hatte zuvor bereits einen sektiererischen politischen Verein verlassen, der mich zum Ortsjugendvorsitzenden zwingen wollte, ohne dass ich Lust darauf hatte. Ich musste aus der Wohngemeinschaft ausziehen. Ich hatte bereits Erfahrung mit dem Leben ohne Arbeitslosenkohle, die mir diesmal für 2 Monate gesperrt wurde. Aber ich fand ein Zimmer bei meinen Eltern in der Siedlung. Sie hatten vor Jahren eine 2. Wohnung neben der ersten anmieten dürfen. Dort hatten wir Großen unsere eigenen Zimmer, doch der üblicherweise als Küche genutzte Raum war seit dem ersten Tag ein Abstellzimmer und ein Treffpunkt, wenn in der anderen Küche mal wieder dicke Luft war. Es stand dort eine Couch zum Ausziehen, auf der mein Vater lange Jahre geschlafen hatte. Auch ein Stuhl war dort, mein Spiegel, den ich nicht wegschmeissen wollte, ein alter Couchtisch und ein Küchenschrank aus den fünfziger Jahren, von dem meine Oma vermutete, er würde mit Freude genutzt. Das war mein Zimmer für die Übergangszeit. Meine Eltern überliessen es mir unwillig aber ohne grosse Szenen, zuviel waren sie bereits von allen vier Jungs gewohnt.
So stand ich also provokativ und entschlossen in der Straßenbahn, von Gott und der Welt verlassen, mit ein paar Groschen in der Tasche und hoffte auf ein zu Hause bei den Punks in Herne.