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Kemmler

2499 days ago | Marcus Hammerschmitt |

Er hieß Herr Kemmler und war Lehrer, Mathematiklehrer, genauer gesagt. Man wird älter, man wird schlauer, man verzeiht. Und trotzdem sitzen einem diese Pfähle des Hasses und der Verachtung im Fleisch, und können nicht wie faulende Zähne gezogen werden, weil sie dem Körper eingewachsen sind und mit ihm eine Einheit bilden, die zu trennen dem Organismus mehr schaden würde als die Fortexistenz des Eiterherds.
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Natürlich verlangt unsere Kultur Bereitschaft zur Vergebung. Jeder weiß, dass angestauter Hass mehr dem Hassenden als dem Hassobjekt schadet, aber was ist mir der Pflicht, einen Hundesohn auch als solchen zu bezeichnen? Ich könnte Verständnis heucheln, ich könnte sentimental einlenken, ich könnte Vergebung und Vergessen vorschieben, um die Wahrheit zu verdecken, aber sie würde immer noch lauten: Kemmler war ein Hundesohn.


Es ist mir auch gleichgültig, welchen seiner Mängel Herr Kemmler durch sein Verhalten mir gegenüber verdecken wollte, es ist mir gleichzeitig unbekannt und egal, welchen Schmerz er beschwichtigte, indem er mir Angst einjagte. Nicht einmal sein einziger Verdienst, dass er mich durch seinen Terror so weit brachte, gegen ihn aufzubegehren, nicht einmal dies stimmt mich um. Er war nicht nur ein schlechter Lehrer, gute Lehrer sind selten. Es ist schwierig, ein guter Lehrer zu sein. Kemmler war ein schlechter Mensch, und das mit der Leichtigkeit, die den geborenen Sadisten auszeichnet. Obwohl zwei Meter groß, musste er sein Selbstbewusstsein auspolstern, indem er mich unterdrückte. Wohl wissend, dass ich sowohl der Kleinste, als auch der Jüngste in meiner Klasse war, fand er eine idiotische Genugtuung darin, meinen Namen nur im Diminuitiv zu benutzen, und ich weiß nicht, wo ich eines Tages den Mut hernahm, ihn darauf hinzuweisen, dass das unstatthaft war. Zwar unterließ er diese billige Form der Apartheid danach, aber er rächte sich auf die feige Art der Herrschenden.

Der beschränkte Herr Kemmler, der mir mit seinem Terror eine Lernbehinderung verschafft hatte, durchschwitzte Nächte und verweinte Nachmittage, bediente sich meiner von ihm erzeugten Arithmastenie ganz nach Belieben. Nachdem ich nun einmal aufbegehrt hatte, um die Minimalforderungen des gewöhnlichen Anstands durchzusetzen, war ich sein liebstes Opfer. Wie konnte der Kemmler abfragen! Kleine Unsicherheiten, ein Stottern, ein Stolpern, die kleinsten Stockungen reichten bei ihm zum Punktabzug, und die Verachtung, die er dem Prüfling bei größeren Mißgeschicken entgegenschleudern konnte, war sagenhaft. Kemmler sagte nicht viel, um uns und vor allem mich zu terrorisieren. Er stand einfach leicht vorgebeugt da und zog seine Augenbrauen hoch, wenn ihm etwas mißfiel, das reichte dann schon. Wenn wir uns von der Tafel abwandten, weil wir nicht weiter wussten, die kühle Kreide in der schwitzigen Hand, gegen das Erröten ankämpfend, dann brauchte Kemmler nur zu seufzen, und zu sagen: ?Ach, mach dir das Leben doch nicht so schwer?, und wir wussten, wir hatten versagt.

Kemmler machte uns das Leben schwer, und lastete uns dafür die Verantwortung an, waren wir es doch, die seinen Ansprüchen an mathematische Eleganz nicht genügen konnten. Fehlerfreiheit war ungenügend. Angelerntes Wissen unterschied er unbarmherzig von tief begriffenem. Sauber war ihm nicht recht, porentief rein musste die Lösung sein. Er ging bisweilen nach einer Mathematik-Doppelstunde aus der Tür, und sagte bis "Bis nachher", und wir wussten, daß sich das Spiel in Physik wiederholen würde. Wem er in dem einen Fach das Leben schwer machte, der hatte in dem anderen keine Aussicht auf Erfolg.

Herr Kemmler war sich seiner Macht bewußt und nutzte sie, und dieses niedere, primitive Bewusstsein der Macht drückte sich in dem sarkastischen Grinsen aus, das in seinem Gesicht wie festgefroren schien. Er strafte psychologisch. Die Schläge, die er nicht zu verteilen brauchte, hallten im Zuklappen des Klassenbuchs nach, in dem er unsere läppischen Verfehlungen eintrug. Natürlich leistete er sich hin und wieder cholerische Ausbrüche, die dazu dienten, seinen sonstigen Strafen ein wenig mehr Leben einzuhauchen, und die verhinderten, dass wir auf die Idee kamen, seine Peitsche sei nur aus Papier. Aber selbst in diesen Ausbrüchen war er beherrscht, kontrolliert, effizient, nicht etwa wie Hofstätter, der sich selbst durch seine Unmäßigkeit Lügen strafte, und Tafelkreide und Tafellappen in der Gegend herumschleuderte, oder Edinger, der immer spuckte, wenn er schrie, und sich dadurch lächerlich machte. Kemmler tobte mit Methode.


Gegen Ende der zwei oder drei Jahre, die ich ihm ausgesetzt war, war er mir so verhasst, dass ich beim bloßen Gedanken an ihn einen schlechten Geschmack im Mund hatte. Wenn der windschiefe Haken seiner Gestalt um die Ecke bog, wenn ich seine ungepflegte, scheinintellektuelle Frisur sah, das immergleiche hellblaue Billighemd, die immergleiche graue Flanellhose und die abgenutzte Ledertasche, in der er die mit unnachgiebiger Härte korrigierten Klassenarbeiten mit sich führte, wollte ich nur noch eines: Abstand. Ich wollte Menschen oder Einsamkeit, aber nicht die Gesellschaft von einem Resthominiden wie Kemmler, der in einem langen und geduldigen Prozeß jedes Quant seiner Triebenergie zu dem glühend heißen und dennoch kontrollierten Plasma der inquisitorischen Niedertracht umgeschmolzen hatte. Nachdem ich I. gefunden hatte, wollte ich, mit Kemmler konfrontiert, nur noch sie, weil sie das Gegenteil von ihm war.

Einmal, als ich nach Hause ging, kam mir Herr Kemmler auf dem Weg zur Bahnstation entgegen, ich erkannte ihn von weitem. Das blaue Hemd und die graue Hose und der typische, leicht stelzende Gang verrieten ihn schon auf große Entfernung. Was tun? Er kam mir ja direkt entgegen. Ich wollte ihn nicht grüßen. Ich wollte ihm einen Bruchteil der Verachtung zeigen, die ich für ihn empfand. Ich hatte Angst vor ihm. Als ich sicher war, dass er mich erkannt hatte, wechselte ich demonstrativ die Straßenseite, ohne ihn gegrüßt zu haben. Das Herz schlug mir im Hals. Wir waren auf gleicher Höhe. Er hielt kurz an, die dumme schwarze Tasche in der Hand, und fragte: "Hast du etwa Angst vor mir?" Und weil ich nicht ein noch aus wußte, und beim besten Willen nicht mehr so tun konnte, als habe ich ihn übersehen, sagte ich einfach: "Ja." Ich ging zwar schnell weiter, aber sein verächtliches Schnauben hörte ich doch, und als ich mich zwanzig Meter weiter umdrehte, um der schwarzen Tasche hinterherzusehen, die da hinten um die Ecke getragen wurde, wünschte ich Herrn Kemmler, er möge bei lebendigem Leibe verfaulen.

Dass ich unter der Knute dieses sadistischen Trottels weder einen Zugang zur Mathematik noch zur Physik fand, versteht sich von selbst. Ich kann mir noch heute Fachwissen aus diesem Bereich nur schwer aneignen, und wenn ich es getan habe, zerrinnt es mir unter den Fingern wie Sand. Mein Gedächtnis ist gegen Mathematik allergisch, weil es gegen die Kemmlers dieser Welt allergisch ist.

Herr Kemmler schied dann später aus dem aktiven Lehrdienst aus. Er rückte in die Lehrbuchkommission des Kultusministeriums auf, wo er über die mathematischen Lehrbücher wachte, mit denen andere sein Werk fortsetzten. Diese impotente Verwirklichung seines Wunschs, selbst einmal das einzig gültige mathematische Lehrbuch für das Gymnasium zu schreiben, scheint mir angemessen. Er war ein Hundesohn.



Zuerst erschienen im Weblog INSTANT NIRVANA


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