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Instamatic Uraub

2480 days ago | svenk |

Amrum, Familienurlaub im Sommer 1974. Während einer Deichwanderung sagt einer: "Komm, wir setzen uns alle auf Papi, und Mami macht ein Foto". Es entstand ein Foto das so warm ist, dass das Gefühl, das es heraufbeschwört bis heute eine leise Melancholie ist, leicht wie eine warme Sommerbrise auf Amrum.
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Ich war zehn, meine Schwestern sieben und vier, als das Bild entstand. Die Kleine (ihr nahe liegender Spitzname damals: "Shirley Temple") sitzt noch heute als Mittlerin zwischen der größeren und mir und unser Vater ist noch heute genau so selig glücklich über unsere pure Existenz, wie er auf dem Foto aussieht. Trotzdem ist das Lebensgefühl, das solche Bilder nach wie vor unmittelbar und immer wieder in Gedächtnis zurückrufen ein anderes, unbezahlbar und lange vorbei. Das hängt für mich unbedingt auch damit zusammen, wie diese Bilder entstanden und jedes Mal, wenn ich eines dieser Bilder sehe, sehe ich auch die Kameras, mit denen sie entstanden vor meinem inneren Auge.



Viele haben in den Siebzigern solche Fotos, geschossen mit einer dieser Sucherkameras aus Plastik von KODAK, die so lustige Namen wie "Pocket" oder "Instamatic" trugen, wobei letzteres Modell quadratische Fotos machte. Diese Kameras fraßen keine Kleinbildfilme, sondern wurden mit kassettenartigen Filmdosen bestückt, die das Filmeinfädeln überflüssig machten. Es gab Farb- und Schwarzweißfilme für jeweils 12 und 24 Bilder und es gab nur eine Filmempfindlichkeit (müssen so um die 80-100 ASA gewesen sein). Des Weiteren hatte die Kamera nur drei Blendeneinstellungen, die Herr KODAK genau auf die Bedürfnisse des ambitionierten Urlaubsfotografen abgestimmt hatte: es gab "schönes Wetter", "Wolken" und "Gewitter". Für alle Innen- und Abendaufnahmen musste daher ein sogenannter "Blitzwürfel" her, das war ein Einweg-Blitzaufstecker aus reflektierendem Plastik, jeder für vier Blitze, der immer lecker verschmort roch, wenn die kleine Blitzexplosion ein Viertel der Plastik-Außenhaut verschmort und deformiert hatte. Darüber hinaus verfügte die Kamera über ein symbolgestütztes Hebelchen für drei Entfernungseinstellungen: ein Blümchen stand für Makroeinstellungen (die trotzdem nie scharf wurden), einen Kopf für Porträtaufnahmen und ein paar Berge versprachen "alles wird scharf, von vorne bis hinten". Die Verschlusszeiten entzogen sich der Manipulierbarkeit, es hieß also bei jeder Aufnahme: "Nicht wackeln, ich mach mal ein Foto!"

Die spartanische Ausstattung dieser KODAKschen "Volks-Kameras" ließ die Familienchronisten der Schlaghosen-Zeit ihr nicht weniger Respekt zollen. Schon die horrenden Preise pro 24-Bilder-Farbfilm ("Für den Urlaub nehmen wir einen Dreierpack!") verbaten es beispielsweise, die Kamera für lomografische Sessions zu "missbrauchen"! Derartige Emulsions-Experimente entstanden damals nur unfreiwillig - etwa wenn der streikende Transport einer wegen urlaubsindizierter Versandung des Getriebes verklemmten Kamera Doppelbelichtungen verursachte, wenn einfallendes Außenlicht die Aufnahmen verfremdete ("ich guck mal grad, ob noch ein Film drin ist") oder wenn sich jemand auf der Fahrt in den Urlaub im vollbesetzten VW-Käfer 1500 (marineblau) zufällig auf den hakenförmigen Auslöser setzte. In all diesen Fällen wurden die entstandenen Bilder damals später nicht ins Urlaubsalbum eingeklebt (die zeitgenössische Form des Bloggens) sondern verschämt weggeworfen.

Aber nicht nur das Fotografieren selbst, auch alles was danach kam, hatte in den Siebzigern etwas heiliges, ganz und gar nicht Nebensächliches. Der erste Gang nach dem Urlaub führte in den Siebzigern in einen "Fotoladen", dem Vorläufer der heutigen Foto-Express-Ecken in Drogeriemärkten und Kaufhallen. Farbbilder mussten damals "eingeschickt werden", das heißt sie kamen in eines der wenigen großen Zentrallabors der Republik und die Entwicklung dauerte nicht unter zwei Wochen. Der damals schnellste Express-Service war unbezahlbar, und auch da dauerte es noch eine Woche, bis die Bilder mit oder ohne Rand in den Qualitäten "matt", "glänzend" oder "Seidenraster" abholbereit waren. "Seidenraster" war dabei übrigens eine Papierqualität, deren Daseinsberechtigung schon damals genauso fragwürdig erschien, wie die Erfindung der Schlaghose: um Reflexe zu vermindern, ohne die Bilder so stumpf wie in der Version "matt" aussehen zu lassen, hatte das Papier eine geriffelte Plastikoberfläche, die die Lichtbrechung ins Diffuse lenken sollte. In Wahrheit sah man allerdings mehr Riffel als Foto, und das einzig lustige an "Seidenraster"-Fotos war das schnarrende Geräusch, das die Bilder machten, wenn man mit dem Fingernagel ganz schnell darüber rieb.

Unser Amrum-Foto, geschossen von meiner Mutter unter Zuhilfenahme einer "KODAK Instamatic" (wie gesagt, zu erkennen am quadratischen Bildformat) kam im Original im Format 9x9 cm aus dem Labor, Qualität "glänzend", mit Rand. Familienintern hat es - wie damals, als es nach zweiwöchigem Warten endlich aus dem Labor zurück war - den Wert einer kostbaren Reliquie. Es erinnert an Zeiten, als man sich unberührbar fühlte, solange man als Kind nur im Tross der Familie auftrat: "The Incredibles" der Siebzigerjahre. Damals waren wir uns einig: Mami und Papi organisieren garantiert super Urlaube, Mami und Papi machen jede neue Wohnung zum Nest unbesiegbarer Verschwörer gegen den Rest der Welt. Erst Gedanken daran, irgendwann auf eigenen Beinen zu stehen, oder daran, dass die Lebensquelle nicht das elterliche Zuhause und der selbstfüllende Kühlschrank sein würden, ließen mich erschaudern und die Auseinandersetzung damit ließ sich noch mit einem kindlichen "na egal, das dauert ja noch ganz, ganz lang" vertagen.

Wenn ich das Amrum-Bild heute wieder sehe, fühle ich den Wunsch, meinen Vater mal zu bitten, mir seine ganz persönliche Melancholie, dieses Bild betreffend, zu erzählen, denn vor einem Jahr fragte er vorsichtig nach, ob ich ihm gerade dieses Bild wieder auffrischen könne, da sein Abzug über die Jahre diesen heftigen Rotstich bekommen hatte, den alle Farbfotos dieser Zeit bekommen, wenn man sie zu lange in der Küche oder im Arbeitszimmer aufhängt. Natürlich konnte ich: Photoshop sei Dank wurden plötzlich das Seegras und meine damalige Lieblings-Cordjacke wieder grün, das T-Shirt meines Vaters wieder grau und das Haar meiner kleinen Schwester wieder sonnengebleicht strohblond. Plötzlich war ich wieder auf Amrum, im Sommer 1974. Plötzlich schmeckte ich wieder frisch gepulte Krabben und einen Weißschokolade-Riegel namens "Caramac", der in diesem Sommer in rosa und mit Erdbeergeschmack (oder war es Himbeer?) zu haben war, weil es im Fernsehen gerade eine neue Staffel des rosaroten Panthers gab. Plötzlich machte sich zwischen um die dreißig Farbkorrektur-Ebenen in einer verregnet-kalten Kölner Winternacht ein Gefühl breit, das so hell und warm war, dass es diese leichte Melancholie heraufbeschwor, leicht, wie eine Sommerbrise auf Amrum.

Comments

  1. beuteltier wrote on 21.04.05 at 15:31
    'es gab "schönes Wetter", "Wolken" und "Gewitter"'

    Äh, die "Gewitter"-Einstellung war die, die den Blitzwürfel auslöste. Das waren die Dinger, mit denen man genau vier Mal blitzen konnte, und deren Plastikhülle noch richtig heiß wurde und sich verbeulte, wenn das Magnesium-Stahlwolle-Gemisch im Inneren abgebrannt war. Sie brauchten dafür aber auch keinen Strom. (Wie oft habe ich von heutigen Digitalkamerabesitzern schon den Satz "Scheiße, der Akku ist leer" gehört!)

    Anfang der 80er kaufte ich mir dann eine Pocketkamera mit integriertem Blitz. Die brauchte dann Batterien, und man konnte noch wunderschön den Wechselrichter pfeifen hören, wenn der Kondensator lud. An der Tonhöhe des Pfeifens konnte man wunderbar abhören, wann es Zeit für neue Batterien wurde. Duracell war damals die angesagte Marke, und man stritt sich darum, ob man besser auf Agfa- oder Kodak-Papier ausbelichten lässt. Wer Fuji nahm, galt als Vaterlandsverräter.
  2. bytebaby wrote on 21.04.05 at 22:03
    Ich weiss noch, dass die Blitze mit einer Art Ehrerbietung ausgepackt wurden.
  3. Marcus Hammerschmitt wrote on 27.04.05 at 16:01
    Diese Blitze: reine, magische Faszination. Dass dort das Licht drin wohnt. Die Versuche, sie wieder zum Leben zu erwecken, wenn sie bereits abgebrannt waren, und verbeult. Der Geruch des warmen Plastiks kurz nach dem Blitz. Alles da.
  4. ralph wrote on 28.04.05 at 14:49
    Es gab mal Streit, wer den ausgebrannten Würfel als erster untersuchen darf. ;)
  5. rollinger wrote on 29.04.05 at 14:34
    Die letzten dieser Blitzwürfel habe ich dann heimlichmitdem Modellbahntrafo gezündet. Puff!
    Aberwie ging das bei der Kamera. Keine Batterien auch kein Dynamo und Kondensator, denn der Blitz zündete auch, wenn die Kamera lange schon vorgespannt lag. (Meine Idee war, daß beim spannen des Films ein kleiner Kondensator geladen wird)
    Wer kann mir sagen wie das ging mit dem Blitz.
    Einzigster gedanke ist noch irgendwas mit Piezo, naja.

    Die geschichte..wunderschön. Erinner ich auch gerne an diese "Rotstichzeiten".
  6. goncourt wrote on 04.05.05 at 09:37
    Als ich mir irgendwann einen solchen Blitzwürfel kaufen wollte für meine erste Nicht-Pocket-Kamera, bis dahin hatte ich mit einer "Aqua Pocket" fotografiert (ein Geschenk zur Kommunion, von daher passt das Weihegefühl), war ich wehmütig empört, als der Verkäufer mir sagte, dass es für diese Kamera keine gäbe. Das war doch ein Inbegriff von Blitz!

    Merci für diese Geschichte.
  7. wrote on 19.05.05 at 19:47
    Die rochen auch so gut, diese Blitzwürfel.
    Ich denk jetzt an :
    erste Kamera, erste eigene Bilder, irgendwie damit auch erste eigene Geschichtsschreibung. Denn damals war das ja noch so, dass jedes (sooo teure!!) Foto mir einen historischen Moment bedeutete, den es festzuhalten galt.

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