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Heilig Klo

2446 days ago | Susann |

Weihnachten 1974, ich war fünf Jahre alt. Dieses Foto habe ich jahrelang gehasst, aber es klebte nun mal in meinem Fotoalbum, was meine Mutter sorgfältig und liebevoll für mich angelegt hatte und dort klebt es noch heute. Genauer gesagt hängt es in diesen Fotoecken, die komischerweise bis heute gehalten haben.
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Es gab damals, vielleicht ein paar Jährchen später, auch diese Alben mit Plastikfolie, wo man die Klebefolie straff über die Seite mit den Fotos ziehen musste. Meine Mutter hat ein paar dieser Alben, die Seiten sind gelb geworden, die Folie klebt nicht mehr und die Fotos fallen jetzt einfach heraus.





Immer wenn ich mit Freunden oder Verwandten mein Album anschaute, schämte ich mich wieder wegen dieses Fotos. Ich schämte mich schon, als mein Vater das Foto von mir machte.

Ich habe mich oft geschämt als Kind. Wenn man sich als Kind schämt wird einem von den Erwachsenen immer versichert, dass man sich nicht schämen muss, weil das gar nicht so schlimm ist.

Ich schämte mich auch sehr, als ich beim Blumen Streuen ein paar Meter weiterlief, obwohl das Brautpaar stehen geblieben war. Mein Vater, der mit vielen anderen Gästen seitlich im Kirchengang stand, tat einen halben Schritt vor und hielt mich am Arm fest. Erst da bemerkte ich meinen Fehler. Auch das wurde fotografisch festgehalten und klebt seit Jahr und Tag in einem der Fotoalben meiner Mutter. Warum gerade das auch für die Ewigkeit gebannt werden musste, weiß ich nicht, vielleicht hätte ich diesen Vorfall längst vergessen, wenn es das Foto nicht gäbe.

In meinem Fotoalbum klebt noch ein Bild, welches ich lieber nicht gehabt hätte: ein lichtes Gebüsch, ich stehe dahinter und bin gerade dabei mir den Schlüpfer hochzuzerren. Ich weiß nicht, ob es in den Siebzigern weniger Klohäuschen gab als heute. Meine Erinnerung sagt mir, dass ich ziemlich oft irgendwo in die Büsche zum pinkeln musste, wenn wir unterwegs waren. Vielleicht hatte ich auch nur eine schwache Blase. Gut, dass dieses Foto so ein typisches Suchbild der Siebziger ist: 7,5 x 7,5 cm, im Vordergrund viel blassgrüne Wiese, hinten ein paar kakelige Bäume und eine schemenhafte Gestalt im roten Pullover und ohne Hose.

Auf dem weihnachtlichen Klofoto habe ich ganz rote Bäckchen. Die sind bestimmt von der Aufregung und der Wärme, die sich vor dem Tannenbaum entwickelt. Wir hatten da immer echte Kerzen drauf. Ich weiß auch gar nicht, seit wann es schon elektrische Tannenbaumlichter gibt.

Das Bad sieht interessant aus, ganz funktional. Heute wird ja alles geschmückt und dekoriert, sogar die Bäder. Damals war da eben nur ein Klo, mit Kette zum Spülen, der Wasserkasten ganz oben, eine Badewanne mit Füssen und ein Waschbecken. Ich glaube einen Heizstrahler hatten wir noch im Bad. In dieser Wohnung gab es noch keine Heizung, nur Öfen. Die Gardine zum Zuziehen war aus Frottierstoff, da sind orangerotfarbene Blumen drauf. Aus dem gleichen Stoff hatte ich auch ein Minikleid. Die Klorolle hängt ganz schön weit oben, die sind wohl im Laufe der Jahre immer tiefer gerutscht. Wo ich jetzt wohne hängen sie gerade mal 25 cm über dem Fußboden. Der Fußboden glänzt ja ganz schön, ob das Linoleum ist? Die anderen Böden in der Wohnung waren aus Holz, auch die Treppe. Und die wurden gebohnert. Ich erinnere mich an diese Tuben mit Bohnerwachs. Danach war es dann immer glatt.

Gibt es eigentlich noch schwarze Klobrillen und Deckel? Es gibt ja eine unglaubliche Vielfalt an Klodeckeldesigns, aber wie sieht es mit schwarz aus? Ich glaube nicht. Habe erst neulich beim Obi Klodeckel angesehen.

Auf dem Foto trage ich eine Bluse, sicher weil Weihnachten war, ich mochte Blusen sonst nicht so gern. Und einen Pferdeschwanz habe ich , die Locken so gut es ging glatt gekämmt.

Nachdem mein Vater das Foto geschossen hatte, habe ich bestimmt geheult und getobt. Wenn man sich das Gesichtchen anschaut, kann man das gar nicht für möglich halten. In diesem Moment war ich erstaunt. Ist ja auch komisch, da geht man an Weihnachten aufs Klo, will möglichst schnell wieder ins Wohnzimmer zu den Geschenken und allem und plötzlich schaut man ganz unerwartet in einen hellen Blitz.

Weihnachten war zu dieser Zeit, in dieser ersten Wohnung, in der ich lebte, noch etwas ganz besonderes. Ich hatte immer den gleichen Traum in der Nacht vor Heilig Abend, solange wir dort wohnten. Eine Schar von Engeln zog in unseren Hof, weiß gekleidet, feierlich. Sie spielten auf Blockflöten. Ich sah mir das an und staunte und mich ergriff ein besonderes Gefühl. Alles war plötzlich so heilig. 1974 ist das letzte Jahr gewesen, an dem ich den Traum hatte. Danach sind wir umgezogen.

Comments

  1. Roland wrote on 26.05.05 at 18:53
    An diese peinlichen Momente in der Kindheit erinnere ich mich auch sehr gut - wenn die Erinnerungen einen wie ein Flashback überkommen. Vieles ist verdrängt, taucht aber hier und dort irgendwo immer wieder mal auf; vieles hat sich inzwischen auch relativiert und man schämt sich nicht mehr so sehr. Interessant finde ich jedenfalls im Rückblick, dass das Peinliche fast immer von außen provoziert wurde, und diese Erkenntnis lässt einen doch sehr gelassen werden...
  2. Paulz wrote on 16.01.07 at 17:41
    Schönes Projekt

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