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	<title>bytebaby</title>
	<link>http://bytebaby.com</link>
	<description>Photos, Books and Stories by Bloggers and Netizens</description>
	<copyright>bytebaby</copyright>
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	<item>
		<title>Heilig Klo</title>
		<link>http://bytebaby.com/item.php?i=13</link>
		<description>Weihnachten 1974, ich war fünf Jahre alt. Dieses Foto habe ich jahrelang gehasst, aber es klebte nun mal in meinem Fotoalbum, was meine Mutter sorgfältig und liebevoll für mich angelegt hatte und dort klebt es noch heute. Genauer gesagt hängt es in diesen Fotoecken, die komischerweise bis heute gehalten haben. 
&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;remind13.html#read&quot;  style=&quot;border:0;&quot;&gt;&lt;img style=&quot;padding-top:4px;&quot;  src=&quot;images/d612e93126e272538123f208cfa068bd.jpg&quot; width=&quot;102&quot; height=&quot;80&quot; alt=&quot;Read the story&quot; /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Es gab damals, vielleicht ein paar Jährchen später, auch diese Alben mit Plastikfolie, wo man die Klebefolie straff über die Seite mit den Fotos ziehen musste. Meine Mutter hat ein paar dieser Alben, die Seiten sind gelb geworden, die Folie klebt nicht mehr und die Fotos fallen jetzt einfach heraus. 

&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;div align=&quot;center&quot;&gt;&lt;img src=&quot;images/88da4afa4e80d341ca515f2357eca0a5.jpg&quot; width=&quot;424&quot; height=&quot;433&quot; alt=&quot;&quot; /&gt;&lt;/div&gt;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;

Immer wenn ich mit Freunden oder Verwandten mein Album anschaute, schämte ich mich wieder wegen dieses Fotos. Ich schämte mich schon, als mein Vater das Foto von mir machte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Ich habe mich oft geschämt als Kind. Wenn man sich als Kind schämt wird einem von den Erwachsenen immer versichert, dass man sich nicht schämen muss, weil das gar nicht so schlimm ist.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
 Ich schämte mich auch sehr, als ich beim Blumen Streuen ein paar Meter weiterlief, obwohl das Brautpaar stehen geblieben war. Mein Vater, der mit vielen anderen Gästen seitlich im Kirchengang stand, tat einen halben Schritt vor und hielt mich am Arm fest. Erst da bemerkte ich meinen Fehler. Auch das wurde fotografisch festgehalten und klebt seit Jahr und Tag in einem der Fotoalben meiner Mutter. 
Warum gerade das auch für die Ewigkeit gebannt werden musste, weiß ich nicht, vielleicht hätte ich diesen Vorfall längst vergessen, wenn es das Foto nicht gäbe. 
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
 In meinem Fotoalbum klebt noch ein Bild, welches ich lieber nicht gehabt hätte: ein lichtes Gebüsch, ich stehe dahinter und bin gerade dabei mir den Schlüpfer hochzuzerren. Ich weiß nicht, ob es in den Siebzigern weniger Klohäuschen gab als heute. Meine Erinnerung sagt mir, dass ich ziemlich oft irgendwo in die Büsche zum pinkeln musste, wenn wir unterwegs waren. 
Vielleicht hatte ich auch nur eine schwache Blase. Gut, dass dieses Foto so ein typisches Suchbild der Siebziger ist: 7,5 x 7,5 cm, im Vordergrund viel blassgrüne Wiese, hinten ein paar kakelige Bäume und eine schemenhafte Gestalt im roten Pullover und ohne Hose.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Auf dem weihnachtlichen Klofoto habe ich ganz rote Bäckchen. Die sind bestimmt von der Aufregung und der Wärme, die sich vor dem Tannenbaum entwickelt. Wir hatten da immer echte Kerzen drauf. Ich weiß auch gar nicht, seit wann es schon elektrische Tannenbaumlichter gibt.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Das Bad sieht interessant aus, ganz funktional. Heute wird ja alles geschmückt und dekoriert, sogar die Bäder. Damals war da eben nur ein Klo, mit Kette zum Spülen, der Wasserkasten ganz oben, eine Badewanne mit Füssen und ein Waschbecken. Ich glaube einen Heizstrahler hatten wir noch im Bad. In dieser Wohnung gab es noch keine Heizung, nur Öfen. 
Die Gardine zum Zuziehen war aus Frottierstoff, da sind orangerotfarbene Blumen drauf. Aus dem gleichen Stoff hatte ich auch ein Minikleid.
Die Klorolle hängt ganz schön weit oben, die sind wohl im Laufe der Jahre immer tiefer gerutscht. Wo ich jetzt wohne hängen sie gerade mal 25 cm über dem Fußboden.
Der Fußboden glänzt ja ganz schön, ob das Linoleum ist? Die anderen Böden in der Wohnung waren aus Holz, auch die Treppe. Und die wurden gebohnert. Ich erinnere mich an diese Tuben mit Bohnerwachs. Danach war es dann immer glatt. 
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Gibt es eigentlich noch schwarze Klobrillen und Deckel? Es gibt ja eine unglaubliche Vielfalt an Klodeckeldesigns, aber wie sieht es mit schwarz aus? Ich glaube nicht. Habe erst neulich beim Obi Klodeckel angesehen. 
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Auf dem Foto trage ich eine Bluse, sicher weil Weihnachten war, ich mochte Blusen sonst nicht so gern. Und einen Pferdeschwanz habe ich , die Locken so gut es ging glatt gekämmt.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Nachdem mein Vater das Foto geschossen hatte, habe ich bestimmt geheult und getobt. Wenn man sich das Gesichtchen anschaut, kann man das gar nicht für möglich halten. In diesem Moment war ich erstaunt. Ist ja auch komisch, da geht man an Weihnachten aufs Klo, will möglichst schnell wieder ins Wohnzimmer zu den Geschenken und allem und plötzlich schaut man ganz unerwartet in einen hellen Blitz. 
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Weihnachten war zu dieser Zeit, in dieser ersten Wohnung, in der ich lebte, noch etwas ganz besonderes. Ich hatte immer den gleichen Traum in der Nacht vor Heilig Abend, solange wir dort wohnten. Eine Schar von Engeln zog in unseren Hof, weiß gekleidet, feierlich. Sie spielten auf Blockflöten. Ich sah mir das an und staunte und mich ergriff ein besonderes Gefühl. Alles war plötzlich so heilig.
1974 ist das letzte Jahr gewesen, an dem ich den Traum hatte. Danach sind wir umgezogen.
</description>
		<pubDate>Mi, 25 Mai 2005 19:31:00 CEST</pubDate>
	</item>
	<item>
		<title>Instamatic Uraub</title>
		<link>http://bytebaby.com/item.php?i=12</link>
		<description>Amrum, Familienurlaub im Sommer 1974. Während einer Deichwanderung sagt
einer: &quot;Komm, wir setzen uns alle auf Papi, und Mami macht ein Foto&quot;. Es
entstand ein Foto das so warm ist, dass das Gefühl, das es heraufbeschwört
bis heute eine leise Melancholie ist, leicht wie eine warme Sommerbrise auf
Amrum.
&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;remind12.html#read&quot;  style=&quot;border:0;&quot;&gt;&lt;img style=&quot;padding-top:4px;&quot;  src=&quot;images/c5f8b50c390ce6bf77b07747aa517996.jpg&quot; width=&quot;102&quot; height=&quot;80&quot; alt=&quot;Read the story&quot; /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;Ich war zehn, meine Schwestern sieben und vier, als das Bild
entstand. Die Kleine (ihr nahe liegender Spitzname damals: &quot;Shirley Temple&quot;)
sitzt noch heute als Mittlerin zwischen der größeren und mir und unser Vater
ist noch heute genau so selig glücklich über unsere pure Existenz, wie er
auf dem Foto aussieht. Trotzdem ist das Lebensgefühl, das solche Bilder nach
wie vor unmittelbar und immer wieder in Gedächtnis zurückrufen ein anderes,
unbezahlbar und lange vorbei. Das hängt für mich unbedingt auch damit
zusammen, wie diese Bilder entstanden und jedes Mal, wenn ich eines dieser
Bilder sehe, sehe ich auch die Kameras, mit denen sie entstanden vor meinem
inneren Auge.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;div align=&quot;center&quot;&gt;&lt;img src=&quot;images/43fa1dbd0e070536855eed4377cdb76a.jpg&quot; width=&quot;400&quot; height=&quot;400&quot; alt=&quot;&quot; /&gt;&lt;/div&gt;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;

Viele haben in den Siebzigern solche Fotos, geschossen mit einer dieser
Sucherkameras aus Plastik von KODAK, die so lustige Namen wie &quot;Pocket&quot; oder
&quot;Instamatic&quot; trugen, wobei letzteres Modell quadratische Fotos machte. Diese
Kameras fraßen keine Kleinbildfilme, sondern wurden mit kassettenartigen
Filmdosen bestückt, die das Filmeinfädeln überflüssig machten. Es gab Farb-
und Schwarzweißfilme für jeweils 12 und 24 Bilder und es gab nur eine
Filmempfindlichkeit (müssen so um die 80-100 ASA gewesen sein). Des Weiteren
hatte die Kamera nur drei Blendeneinstellungen, die Herr KODAK genau auf die
Bedürfnisse des ambitionierten Urlaubsfotografen abgestimmt hatte: es gab
&quot;schönes Wetter&quot;, &quot;Wolken&quot; und &quot;Gewitter&quot;. Für alle Innen- und
Abendaufnahmen musste daher ein sogenannter &quot;Blitzwürfel&quot; her, das war ein
Einweg-Blitzaufstecker aus reflektierendem Plastik, jeder für vier Blitze,
der immer lecker verschmort roch, wenn die kleine Blitzexplosion ein Viertel
der Plastik-Außenhaut verschmort und deformiert hatte. Darüber hinaus
verfügte die Kamera über ein symbolgestütztes Hebelchen für drei
Entfernungseinstellungen: ein Blümchen stand für Makroeinstellungen (die
trotzdem nie scharf wurden), einen Kopf für Porträtaufnahmen und ein paar
Berge versprachen &quot;alles wird scharf, von vorne bis hinten&quot;. Die
Verschlusszeiten entzogen sich der Manipulierbarkeit, es hieß also bei jeder
Aufnahme: &quot;Nicht wackeln, ich mach mal ein Foto!&quot;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Die spartanische Ausstattung dieser KODAKschen &quot;Volks-Kameras&quot; ließ die
Familienchronisten der Schlaghosen-Zeit ihr nicht weniger Respekt zollen.
Schon die horrenden Preise pro 24-Bilder-Farbfilm (&quot;Für den Urlaub nehmen
wir einen Dreierpack!&quot;) verbaten es beispielsweise, die Kamera für
lomografische Sessions zu &quot;missbrauchen&quot;! Derartige Emulsions-Experimente
entstanden damals nur unfreiwillig -  etwa wenn der streikende Transport
einer wegen urlaubsindizierter Versandung des Getriebes verklemmten Kamera
Doppelbelichtungen verursachte, wenn einfallendes Außenlicht die Aufnahmen
verfremdete (&quot;ich guck mal grad, ob noch ein Film drin ist&quot;) oder wenn sich
jemand auf der Fahrt in den Urlaub im vollbesetzten VW-Käfer 1500
(marineblau) zufällig auf den hakenförmigen Auslöser setzte. In all diesen
Fällen wurden die entstandenen Bilder damals später nicht ins Urlaubsalbum
eingeklebt (die zeitgenössische Form des Bloggens) sondern verschämt
weggeworfen.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Aber nicht nur das Fotografieren selbst, auch alles was danach kam, hatte in
den Siebzigern etwas heiliges, ganz und gar nicht Nebensächliches. Der erste
Gang nach dem Urlaub führte in den Siebzigern in einen &quot;Fotoladen&quot;, dem
Vorläufer der heutigen Foto-Express-Ecken in Drogeriemärkten und Kaufhallen.
Farbbilder mussten damals &quot;eingeschickt werden&quot;, das heißt sie kamen in
eines der wenigen großen Zentrallabors der Republik und die Entwicklung
dauerte nicht unter zwei Wochen. Der damals schnellste Express-Service war
unbezahlbar, und auch da dauerte es noch eine Woche, bis die Bilder mit oder
ohne Rand in den Qualitäten &quot;matt&quot;, &quot;glänzend&quot; oder &quot;Seidenraster&quot;
abholbereit waren. &quot;Seidenraster&quot; war dabei übrigens eine Papierqualität,
deren Daseinsberechtigung schon damals genauso fragwürdig erschien, wie die
Erfindung der Schlaghose: um Reflexe zu vermindern, ohne die Bilder so
stumpf wie in der Version &quot;matt&quot; aussehen zu lassen, hatte das Papier eine
geriffelte Plastikoberfläche, die die Lichtbrechung ins Diffuse lenken
sollte. In Wahrheit sah man allerdings mehr Riffel als Foto, und das einzig
lustige an &quot;Seidenraster&quot;-Fotos war das schnarrende Geräusch, das die Bilder
machten, wenn man mit dem Fingernagel ganz schnell darüber rieb.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Unser Amrum-Foto, geschossen von meiner Mutter unter Zuhilfenahme einer
&quot;KODAK Instamatic&quot; (wie gesagt, zu erkennen am quadratischen Bildformat) kam
im Original im Format 9x9 cm aus dem Labor, Qualität &quot;glänzend&quot;, mit Rand.
Familienintern hat es - wie damals, als es nach zweiwöchigem Warten endlich
aus dem Labor zurück war - den Wert einer kostbaren Reliquie. Es erinnert an
Zeiten, als man sich unberührbar fühlte, solange man als Kind nur im Tross
der Familie auftrat: &quot;The Incredibles&quot; der Siebzigerjahre. Damals waren wir
uns einig: Mami und Papi organisieren garantiert super Urlaube, Mami und
Papi machen jede neue Wohnung zum Nest unbesiegbarer Verschwörer gegen den
Rest der Welt. Erst Gedanken daran, irgendwann auf eigenen Beinen zu stehen,
oder daran, dass die Lebensquelle nicht das elterliche Zuhause und der
selbstfüllende Kühlschrank sein würden, ließen mich erschaudern und die
Auseinandersetzung damit ließ sich noch mit einem kindlichen &quot;na egal, das
dauert ja noch ganz, ganz lang&quot; vertagen.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Wenn ich das Amrum-Bild heute wieder sehe, fühle ich den Wunsch, meinen
Vater mal zu bitten, mir seine ganz persönliche Melancholie, dieses Bild
betreffend, zu erzählen, denn vor einem Jahr fragte er vorsichtig nach, ob
ich ihm gerade dieses Bild wieder auffrischen könne, da sein Abzug über die
Jahre diesen heftigen Rotstich bekommen hatte, den alle Farbfotos dieser
Zeit bekommen, wenn man sie zu lange in der Küche oder im Arbeitszimmer
aufhängt. Natürlich konnte ich: Photoshop sei Dank wurden plötzlich das
Seegras und meine damalige Lieblings-Cordjacke wieder grün, das T-Shirt
meines Vaters wieder grau und das Haar meiner kleinen Schwester wieder
sonnengebleicht strohblond. Plötzlich war ich wieder auf Amrum, im Sommer 1974. Plötzlich schmeckte ich wieder frisch gepulte Krabben und einen
Weißschokolade-Riegel namens &quot;Caramac&quot;, der in diesem Sommer in rosa und mit Erdbeergeschmack (oder war es Himbeer?) zu haben war, weil es im Fernsehen gerade eine neue Staffel des rosaroten Panthers gab. Plötzlich machte sich zwischen um die dreißig Farbkorrektur-Ebenen in einer verregnet-kalten Kölner Winternacht ein Gefühl breit, das so hell und warm war, dass es diese leichte Melancholie heraufbeschwor, leicht, wie eine Sommerbrise auf Amrum.</description>
		<pubDate>Do, 21 Apr 2005 13:30:00 CEST</pubDate>
	</item>
	<item>
		<title>Kemmler</title>
		<link>http://bytebaby.com/item.php?i=11</link>
		<description>Er hieß Herr Kemmler und war Lehrer, Mathematiklehrer, genauer gesagt. Man wird älter, man wird schlauer, man verzeiht. Und trotzdem sitzen einem diese Pfähle des Hasses und der Verachtung im Fleisch, und können nicht wie faulende Zähne gezogen werden, weil sie dem Körper eingewachsen sind und mit ihm eine Einheit bilden, die zu trennen dem Organismus mehr schaden würde als die Fortexistenz des Eiterherds.
&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;remind11.html#read&quot;  style=&quot;border:0;&quot;&gt;&lt;img style=&quot;padding-top:4px;&quot;  src=&quot;images/9a3dd4fb114204533ea10ba5bee22f4a.jpg&quot;  width=&quot;102&quot; height=&quot;80&quot; alt=&quot;Read the Story&quot; /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
Natürlich verlangt unsere Kultur Bereitschaft zur Vergebung. Jeder weiß, dass angestauter Hass mehr dem Hassenden als dem Hassobjekt schadet, aber was ist mir der Pflicht, einen Hundesohn auch als solchen zu bezeichnen? Ich könnte Verständnis heucheln, ich könnte sentimental einlenken, ich könnte Vergebung und Vergessen vorschieben, um die Wahrheit zu verdecken, aber sie würde immer noch lauten: Kemmler war ein Hundesohn.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;div align=&quot;center&quot;&gt;&lt;img src=&quot;images/94f45ec3be23a95a9acac4d4a3cb5b19.jpg&quot; width=&quot;261&quot; height=&quot;400&quot; alt=&quot;&quot; /&gt;&lt;/div&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist mir auch gleichgültig, welchen seiner Mängel Herr Kemmler durch sein Verhalten mir gegenüber verdecken wollte, es ist mir gleichzeitig unbekannt und egal, welchen Schmerz er beschwichtigte, indem er mir Angst einjagte. Nicht einmal sein einziger Verdienst, dass er mich durch seinen Terror so weit brachte, gegen ihn aufzubegehren, nicht einmal dies stimmt mich um. Er war nicht nur ein schlechter Lehrer, gute Lehrer sind selten. Es ist schwierig, ein guter Lehrer zu sein. Kemmler war ein schlechter Mensch, und das mit der Leichtigkeit, die den geborenen Sadisten auszeichnet. Obwohl zwei Meter groß, musste er sein Selbstbewusstsein auspolstern, indem er mich unterdrückte. Wohl wissend, dass ich sowohl der Kleinste, als auch der Jüngste in meiner Klasse war, fand er eine idiotische Genugtuung darin, meinen Namen nur im Diminuitiv zu benutzen, und ich weiß nicht, wo ich eines Tages den Mut hernahm, ihn darauf hinzuweisen, dass das unstatthaft war. Zwar unterließ er diese billige Form der Apartheid danach, aber er rächte sich auf die feige Art der Herrschenden.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Der beschränkte Herr Kemmler, der mir mit seinem Terror eine Lernbehinderung verschafft hatte, durchschwitzte Nächte und verweinte Nachmittage, bediente sich meiner von ihm erzeugten Arithmastenie ganz nach Belieben. Nachdem ich nun einmal aufbegehrt hatte, um die Minimalforderungen des gewöhnlichen Anstands durchzusetzen, war ich sein liebstes Opfer. Wie konnte der Kemmler abfragen! Kleine Unsicherheiten, ein Stottern, ein Stolpern, die kleinsten Stockungen reichten bei ihm zum Punktabzug, und die Verachtung, die er dem Prüfling bei größeren Mißgeschicken entgegenschleudern konnte, war sagenhaft. Kemmler sagte nicht viel, um uns und vor allem mich zu terrorisieren. Er stand einfach leicht vorgebeugt da und zog seine Augenbrauen hoch, wenn ihm etwas mißfiel, das reichte dann schon. Wenn wir uns von der Tafel abwandten, weil wir nicht weiter wussten, die kühle Kreide in der schwitzigen Hand, gegen das Erröten ankämpfend, dann brauchte Kemmler nur zu seufzen, und zu sagen: ?Ach, mach dir das Leben doch nicht so schwer?, und wir wussten, wir hatten versagt.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Kemmler machte uns das Leben schwer, und lastete uns dafür die Verantwortung an, waren wir es doch, die seinen Ansprüchen an mathematische Eleganz nicht genügen konnten. Fehlerfreiheit war ungenügend. Angelerntes Wissen unterschied er unbarmherzig von tief begriffenem. Sauber war ihm nicht recht, porentief rein musste die Lösung sein. Er ging bisweilen nach einer Mathematik-Doppelstunde aus der Tür, und sagte bis &quot;Bis nachher&quot;, und wir wussten, daß sich das Spiel in Physik wiederholen würde. Wem er in dem einen Fach das Leben schwer machte, der hatte in dem anderen keine Aussicht auf Erfolg.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Herr Kemmler war sich seiner Macht bewußt und nutzte sie, und dieses niedere, primitive Bewusstsein der Macht drückte sich in dem sarkastischen Grinsen aus, das in seinem Gesicht wie festgefroren schien. Er strafte psychologisch. Die Schläge, die er nicht zu verteilen brauchte, hallten im Zuklappen des Klassenbuchs nach, in dem er unsere läppischen Verfehlungen eintrug. Natürlich leistete er sich hin und wieder cholerische Ausbrüche, die dazu dienten, seinen sonstigen Strafen ein wenig mehr Leben einzuhauchen, und die verhinderten, dass wir auf die Idee kamen, seine Peitsche sei nur aus Papier. Aber selbst in diesen Ausbrüchen war er beherrscht, kontrolliert, effizient, nicht etwa wie Hofstätter, der sich selbst durch seine Unmäßigkeit Lügen strafte, und Tafelkreide und Tafellappen in der Gegend herumschleuderte, oder Edinger, der immer spuckte, wenn er schrie, und sich dadurch lächerlich machte. Kemmler tobte mit Methode.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;div align=&quot;center&quot;&gt;&lt;img src=&quot;images/44ec784629f951f4714b9c08e2b79204.jpg&quot; width=&quot;441&quot; height=&quot;550&quot; alt=&quot;&quot; /&gt;&lt;/div&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen Ende der zwei oder drei Jahre, die ich ihm ausgesetzt war, war er mir so verhasst, dass ich beim bloßen Gedanken an ihn einen schlechten Geschmack im Mund hatte. Wenn der windschiefe Haken seiner Gestalt um die Ecke bog, wenn ich seine ungepflegte, scheinintellektuelle Frisur sah, das immergleiche hellblaue Billighemd, die immergleiche graue Flanellhose und die abgenutzte Ledertasche, in der er die mit unnachgiebiger Härte korrigierten Klassenarbeiten mit sich führte, wollte ich nur noch eines: Abstand. Ich wollte Menschen oder Einsamkeit, aber nicht die Gesellschaft von einem Resthominiden wie Kemmler, der in einem langen und geduldigen Prozeß jedes Quant seiner Triebenergie zu dem glühend heißen und dennoch kontrollierten Plasma der inquisitorischen Niedertracht umgeschmolzen hatte. Nachdem ich I. gefunden hatte, wollte ich, mit Kemmler konfrontiert, nur noch sie, weil sie das Gegenteil von ihm war.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Einmal, als ich nach Hause ging, kam mir Herr Kemmler auf dem Weg zur Bahnstation entgegen, ich erkannte ihn von weitem. Das blaue Hemd und die graue Hose und der typische, leicht stelzende Gang verrieten ihn schon auf große Entfernung. Was tun? Er kam mir ja direkt entgegen. Ich wollte ihn nicht grüßen. Ich wollte ihm einen Bruchteil der Verachtung zeigen, die ich für ihn empfand. Ich hatte Angst vor ihm. Als ich sicher war, dass er mich erkannt hatte, wechselte ich demonstrativ die Straßenseite, ohne ihn gegrüßt zu haben. Das Herz schlug mir im Hals. Wir waren auf gleicher Höhe. Er hielt kurz an, die dumme schwarze Tasche in der Hand, und fragte: &quot;Hast du etwa Angst vor mir?&quot; Und weil ich nicht ein noch aus wußte, und beim besten Willen nicht mehr so tun konnte, als habe ich ihn übersehen, sagte ich einfach: &quot;Ja.&quot; Ich ging zwar schnell weiter, aber sein verächtliches Schnauben hörte ich doch, und als ich mich zwanzig Meter weiter umdrehte, um der schwarzen Tasche hinterherzusehen, die da hinten um die Ecke getragen wurde, wünschte ich Herrn Kemmler, er möge bei lebendigem Leibe verfaulen.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Dass ich unter der Knute dieses sadistischen Trottels weder einen Zugang zur Mathematik noch zur Physik fand, versteht sich von selbst. Ich kann mir noch heute Fachwissen aus diesem Bereich nur schwer aneignen, und wenn ich es getan habe, zerrinnt es mir unter den Fingern wie Sand. Mein Gedächtnis ist gegen Mathematik allergisch, weil es gegen die Kemmlers dieser Welt allergisch ist.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Herr Kemmler schied dann später aus dem aktiven Lehrdienst aus. Er rückte in die Lehrbuchkommission des Kultusministeriums auf, wo er über die mathematischen Lehrbücher wachte, mit denen andere sein Werk fortsetzten. Diese impotente Verwirklichung seines Wunschs, selbst einmal das einzig gültige mathematische Lehrbuch für das Gymnasium zu schreiben, scheint mir angemessen. Er war ein Hundesohn.

&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Zuerst erschienen im Weblog &lt;a href=&quot;http://concord.antville.org/stories/1085616&quot;&gt;INSTANT NIRVANA&lt;/a&gt;

</description>
		<pubDate>Sa, 02 Apr 2005 01:07:00 CEST</pubDate>
	</item>
	<item>
		<title>Punk</title>
		<link>http://bytebaby.com/item.php?i=10</link>
		<description>Ich stand in der Straßenbahn mit angemalter Lederjacke. Ich war unterwegs nach Herne, wollte meinen Freund Micha überraschen, denn so hatte er mich noch nicht gesehen. Meine sehr geliebte Motorradjacke war nicht wiederzuerkennen und in meinen Haaren steckte ordentlich harte Seife. Ich war gespannt auf seine Reaktion.
&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;remind10.html#read&quot;  style=&quot;border:0;&quot;&gt;&lt;img style=&quot;padding-top:4px;&quot;  src=&quot;images/d24f8b55a87887c525862b633dc203b5.jpg&quot; width=&quot;102&quot; height=&quot;80&quot; alt=&quot;Read the Story&quot; /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
Der lange Micha hielt sich in seiner Freizeit in der überschaubaren Herner Punkszene auf, was ihm keiner ansah. Aber wenn er über Punkmusik und die letzte Party sprach, leuchteten seine Augen. Er war lang und dürr, ebenso sein Gesicht, er lief immer etwas leicht gebückt und war ein offener, genußsüchtiger Kerl. Ich hatte ihn in der Ausbildung in Wattenscheid kennengelernt. Ich machte in einem mittelständischen Betrieb meine zweite Lehre, diesmal als Elektromaschinenbauer und er war schnell mein erster und einziger Freund dort.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;div align=&quot;center&quot;&gt;&lt;img src=&quot;images/282a4b1d03289e8237cd937924794958.jpg&quot; width=&quot;283&quot; height=&quot;400&quot; alt=&quot;&quot; /&gt;&lt;/div&gt;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;

Der Betriebsleiter dagegen war nicht mein Freund. Er schaute mich oft an, als müsste ich in Dankbarkeitstränen ausbrechen. Immerhin hatte ich bereits eine Ausbildung abgebrochen, aber aufgrund meiner dreijährigen berufsschulischen Leistungen drückte man ein Auge zu und gewährte mir einen zweiten Versuch. Und das in meinem Alter! Ich war 21 Jahre alt! Mein erster Lehrversuch als Elektriker lag mehr als ein Jahr zurück - in dem Jahr war ich bei Opel und danach arbeitslos gewesen. Dreieinhalb Jahre hätte ich bei der Klitsche mit dem Überhang an Azubis aushalten müssen, ich hielt aber nur 3 Jahre aus und konnte mir damals nicht vorstellen, ohne die Erholung Berufsschule (Blockunterricht) ein halbes Jahr in einer Firma zu bleiben, die die Lehrlinge im 3. Jahr noch immer zum Gerüsteschieben abstellte. Aber ich hatte noch andere Gründe. Ich war verzweifelt gewesen, weil meine erste große Liebe mich betrogen hatte. Aber das ist eine andere Geschichte.

&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;

In dem neuen Betrieb war zuerst alles besser. Keine Versuche mehr, mich beharrlich und unter Drohungen auf wochenlange Montage zu schicken, was ich immer standhaft verweigert hatte. Keine langen Rückfahrten von der Baustelle und danach der Arbeitsweg von mehr als einer Stunde. Kein Bau mehr, der Trostlosigkeit in Beton war. Nur eines stellte sich in der neuen Firma als schlimm heraus: Es war oft sterbenslangweilig dort und ich hasste nichts mehr, als nichts zu tun und anderen bei der Arbeit auf die Finger zu schauen. Höhepunkte der vier Monate dort waren einige Handkranfahrten von mittelschweren Elektromotoren von Ort X auf Tisch Y. Ansonsten viel lähmende Nutzlosigkeit. Der ganze Betrieb war in der einen oder anderen Weise bewegt, als sich meine Absicht herumsprach, die Ausbildung zu schmeissen. Auch Micha staunte, aber er akzeptierte es sofort und dafür war ich ihm dankbar. Er war der einzige und das hatte ich bis dahin auch noch nicht erlebt.

&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;

Der Auslöser meines Entschlusses war eine Erniedrigung, die sich der Betriebsleiter aus einer Laune heraus mir gegenüber vor versammelter Mannschaft erlaubte. Ich war nicht schnell genug beim Auspacken und er machte Druck, verunsicherte mich, ließ mir keine Chance, es ihm recht zu machen und spottete. Ich ertrug es schweigend und sah meinen heimlichen immer größer und stärker werdenden Gedanken bestätigt. Ich wunderte mich über mich, über den Mut, der in den Tagen nach der Kränkung immer größer wurde, über die Gleichgültigkeit gegenüber meiner Zukunft, über die plötzlich alle sprachen, in dem sie sie als düster beschworen. Gosse war ein Wort, das ich oft hörte in diesen Wochen. Ich aber dachte oft an die Punks, über die Micha immer schwärmte, als das ich mich davon allzusehr beeindrucken liess. Ich dachte, den Punks könne ich mich anschliessen. Obwohl ich sie nie zuvor gesehen hatte. Es war mir alles egal und ich wünschte mir nichts sehnlicher als endlich die Freiheit der Arbeitslosigkeit. Es würde schon irgendwie weitergehen, Hauptsache erst einmal alles hinter sich lassen.

&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;div align=&quot;center&quot;&gt;&lt;img src=&quot;images/6e9457c4c8f76bfd3f85c37d51bec9a8.jpg&quot; width=&quot;283&quot; height=&quot;400&quot; alt=&quot;&quot; /&gt;&lt;/div&gt;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;

Schlimmer konnte es auch nicht werden. Ich hatte zuvor bereits einen sektiererischen politischen Verein verlassen, der mich zum Ortsjugendvorsitzenden zwingen wollte, ohne dass ich Lust darauf hatte. Ich musste aus der Wohngemeinschaft ausziehen. Ich hatte bereits Erfahrung mit dem Leben ohne Arbeitslosenkohle, die mir diesmal für 2 Monate gesperrt wurde. Aber ich fand ein Zimmer bei meinen Eltern in der &lt;a href=&quot;remind2.html&quot;&gt;Siedlung&lt;/a&gt;. Sie hatten vor Jahren eine 2. Wohnung neben der ersten anmieten dürfen. Dort hatten wir Großen unsere eigenen Zimmer, doch der üblicherweise als Küche genutzte Raum war seit dem ersten Tag ein Abstellzimmer und ein Treffpunkt, wenn in der anderen Küche mal wieder dicke Luft war. Es stand dort eine Couch zum Ausziehen, auf der mein Vater lange Jahre geschlafen hatte. Auch ein Stuhl war dort, mein Spiegel, den ich nicht wegschmeissen wollte, ein alter Couchtisch und ein Küchenschrank aus den fünfziger Jahren, von dem meine Oma vermutete, er würde mit Freude genutzt. Das war mein Zimmer für die Übergangszeit. Meine Eltern überliessen es mir unwillig aber ohne grosse Szenen, zuviel waren sie bereits von allen vier Jungs gewohnt.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
So stand ich also provokativ und entschlossen in der Straßenbahn, von Gott und der Welt verlassen, mit ein paar Groschen in der Tasche und hoffte auf ein zu Hause bei den Punks in Herne.</description>
		<pubDate>Fr, 25 Mär 2005 21:34:00 CET</pubDate>
	</item>
	<item>
		<title>Schüler Paulsen kehrt zurück</title>
		<link>http://bytebaby.com/item.php?i=9</link>
		<description>Ich bin viel zu früh losgefahren. Aber ich möchte nicht zu spät kommen, zu meinem ersten Schultag seit fast zwanzig Jahren. 
&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;remind9.html#read&quot;  style=&quot;border:0;&quot;&gt;&lt;img style=&quot;padding-top:4px;&quot;  src=&quot;images/a5e1d04d082302afa34a96a4f0c8f8fa.jpg&quot; width=&quot;102&quot; height=&quot;80&quot; alt=&quot;Read the Story&quot; /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
Es ist zehn Uhr morgens, ich fahre durchs graue Holsteiner Land, vorbei an abgeernteten Grünkohlfeldern und ich merke das meine Hände am Lenkrad schwitzen. Meine Hände schwitzen nie. Muss die Aufregung sein.
Ich biege von der Autobahn ab, die Karte auf dem Beifahrersitz, hinein ins Hinterland. Ich muss an meinen letzten Schultag denken, damals vor fast zwanzig Jahren, in der elften Klasse:
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;div align=&quot;center&quot;&gt;&lt;img src=&quot;images/0a5fc467102360327afa0b6a8c84bd09.jpg&quot; width=&quot;385&quot; height=&quot;390&quot; alt=&quot;Herr Paulsen als Schüler&quot; /&gt;&lt;/a&gt;&lt;/div&gt;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Der Schlag traf Herrn Marten unvermittelt und mit einer solchen Wucht am Kopf, dass es ihm die Füße wegriss. Für den Bruchteil einer Sekunde schien er fast waagerecht in der Luft zu schweben, dann griff die Schwerkraft nach ihm, er stürzte hart und ungeschützt, kleine Kieselsteine gruben sich in seine Stirn, dann lag er einfach da, auf dem schwarzen Asphalt des Pausenhofes, bewegte sich nicht mehr.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;

Ich ließ die Waffe sinken, meine lederne Schultasche, gefüllt mit dem großen Dierke Weltatlas, Büchern für Mathematik, Physik und Englisch. Der Duden steckte auch in der Tasche. Mit der geballten Schlagkraft eines mittelprächtigen Allgemeinwissens hatte ich unseren Klassenlehrer einfach weggewischt.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Es hatte Kohlrouladen gegeben und ich hatte auf ihn gewartet, draußen vor dem großen Speisesaal. Klein gemacht hatte ich mich, gebettelt, ob ich nicht an einem anderen Tag nachsitzen könnte, nur bitte heute nicht, heute war Mittwoch und jeden Mittwochnachmittag war Koch-AG, darauf freute ich mich von Mittwoch bis Mittwoch. In der Schulküche durften wir braten, schmoren, dünsten und frittieren, schmecken, riechen und entdecken. Immer Mittwochs öffnete sich eine Küchentür und die Möglichkeit, die Internatskost zu vergessen, diese lieblosen, immergleichen, sich monatlich wiederholenden Variationen von Kohlehydraten mit Fett, immer grau, immer grauenhaft und immer zu wenig. Zweihundert hungrige Jungen drückten sich jeden Mittag in den großen Speisesaal des christlichen Internates, gab es Schnitzel hatten wir schon zum Gebet die Gabeln in der Hand und das größte Schnitzel im Visier. &lt;em&gt;Herr hab Dank für Speis und Trank&lt;/em&gt; betete der Schulleiter vor jeder Mahlzeit mit uns. Doch nur Mittwoch war der Tag des Herrn.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Klein hatte ich mich gemacht. Gebettelt. Dann hatte Herr Marten angefangen zu brüllen. Immer näher war er gekommen, zu nah, brüllte aus geröteter Zornesfratze, was ich mir erlaube, du kommst, das sag ich dir, er brüllte mit geschwollenen Adern, ganz nah kam er, beinahe berührten sich schon unsere Nasen, ich konnte seine Zahnkronen sehen, dazwischen kleine Fetzen von Kohl und Hack und aus dem brüllenden Maul roch es heraus, nach Kohlrouladen, kaltem Rauch, und fauligem Hass. Ich wischte das Gesicht weg. Ich musste das tun.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Diese Geschichte werde ich heute sicher nicht erzählen, denke ich, als ich das Ortsschild der kleinen Stadt passiere, die nur aus Baumschulen und Spielhallen zu bestehen scheint. Zwanzig Baumschulen und acht Spielhallen später parke ich den Wagen vor dem riesigen Backsteingebäude. Herzklopfen, ich wische mir die Hände an der Anzughose ab und bleibe einfach im Wagen sitzen. Ich habe noch zwanzig Minuten Zeit. Zeit bis die allerhärteste Lesung meines Lebens beginnt.
Denn meine Zuhörer werden heute Schüler sein. 24 junge Menschen im Alter von 17-18 Jahren, Grundkurs Deutsch.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Ich wurde engagiert, den jungen Menschen neunzig Minuten lang zu erzählen, dass es schwerlich ein Leben ohne die literarischen Klassiker gäbe, aber mit Sicherheit ein buntes literarisches Leben nach den Klassikern. Literatur rockt! Was geht auf Deutschen Lesebühnen, was ist eigentlich ein Poetry-Slam und gibt es Literatur im Internet? Dazwischen zur Auflockerung ein paar eigene Texte lesen. So hatte der junge Lehrer mir das erklärt und auch gleich ein paar meiner dringenden Fragen beantwortet: nein, die Schüler wüssten nicht was ein Poetry-Slam ist. Wiedervereinigung? Schwieriges Thema weil Geschichte an Deutschen Gymnasien mit dem zweiten Weltkrieg endet.
Harry Rowohlt? Ja, aus der Lindenstrasse. Robert Gernhardt? Unbedingt erklären! Ich wage einen letzten Versuch: Max Goldt und Stuckrad-Barre ( Barre zum in die Pfanne hauen)? Nee, lieber erklären. Das Gespräch endete mit der Bestätigung meiner Vermutung, &amp;#8222;ja, ich sei für die Schüler ein alter Sack, ein echter Erwachsener.&amp;#8220;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Ich mache mir Sorgen.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Das Lehrerzimmer. Der nächste Schock. Es ist das erste Lehrerzimmer, dass ich je in meinem Leben betreten habe und es sieht aus als sei auf einem Kindergeburtstag eine Bombe hoch gegangen. 70 Lehrer, Erziehungsbeauftragte für 1400 Schüler aus dem gesamten Umland, hausen in ihrem eigenen Dreck und der Deutschlehrer flüstert mir zu, er habe die Befürchtung, dass &amp;#8222;hier schon so manches langsam kompostiert.&amp;#8220; Erschreckender als diese Müllhalde sind nur noch ihre Bewohner. Ich erkenne viel meiner alten Lehrer wieder, obwohl meine Schule 900 km von hier entfernt stand. Sitzen da mit verkniffenen Minen, schütten lauwarmen Filterkaffe in sich hinein, entfernen mit aufgebogenen Büroklammern Wollmäuse von ihren ausgeleierten, graubraunen Pullovern und haben Angst vor der nächsten Stunde. Na, da haben wir wenigstens eine Sache gemeinsam.
&lt;br /&gt;
Ich hatte gedacht, die Wachablösung sei schon längst erfolgt, aber nein, da sitzen sie alle immer noch und nur ganz in der Ecke ist ein Tisch mit jungen Lehrern meines Alters. Hier wird gelacht, ich bekomme Filterkaffee in einer &amp;#8222;Santa Pauli&amp;#8220;- Kaffeetasse mit weihnachtlichem Totenkopf, und aufmunternde Worte mit auf den Weg.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
In der kleinen Bibliothek ist ein kleiner Lesetisch für mich aufgebaut und ein Glas Wasser. Es riecht nach Papier, Orangenschalen, grau-braunem-Pullover-Schweiß. Und ich kann mich selbst riechen. Mein Anzug stinkt nach Rauch. Und überhaupt sehe ich Scheiße aus. Ich müsste seit Wochen zum Friseur, keine Zeit gehabt, jetzt stehen die Haare in alle Richtungen und ich stinke nach Rauch. Wenn ich jetzt noch besoffen wäre, dann könnte das was werden hier.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Da kommen sie. Wer zu spät kommt den bestraft das Leben, wilde Keilerei um die hintersten Plätze, die Raucher bekommen die erste Reihe. Stinke ich wenigstens nicht mehr alleine. Ich beginne meinen Vortrag, lese zum warm werden einen kleinen Text, der immer gut funktioniert. In der ersten Reihe nickt ein junger Mann weg. Gelacht wird wenig. Skeptische Blicke, Totenstille.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Nach zwanzig Minuten habe ich sie. So ein bisschen. Sie hören zu, stellen Fragen, sind aufmerksam, der Lehrer nickt zufrieden. Gegen Ende der ersten Stunde schenken mir die jungen Mädchen hier und da ein Lächeln, beugen sich nach vorn, um besser hören zu können. Das freut einen alten Sack wie mich und ich überlege ob die Frisur vielleicht doch nicht so doof ist. Die Jungs lümmeln jetzt schon viel entspannter in den Stühlen, der Schläfer ist auch wieder wach.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Es gongt zur ersten Pause. Lief doch prima. Nach der Pause, noch mal eine Fragerunde.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#8222;Noch Fragen zum ersten Teil? Ja, Sie!&amp;#8220;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#8222;Äh, ich wollt mal fragen was für eine Schulausbildung sie eigentlich haben?&amp;#8220;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet. Mist.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#8222;Mit dieser Frage habe ich nicht gerechnet, ich äh....öh...mmh...&amp;#8220;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Mir wird ein bisschen heiß, ich muss schnell antworten sonst verliere ich das Vertrauen aus der ersten Stunde, jetzt nicht rumdrucksen. Mir fällt absolut nichts ein. Also tu ich, was ich immer für das Beste halte, obwohl ich mir in diesem Fall nicht so sicher bin, ich habe aber keine Zeit mehr zum Nachdenken. Ich sage die Wahrheit. Ich sitze in der Bibliothek eines Gymnasiums in Schleswig Holstein und erzähle 24 angehenden Abiturienten und ihrem Klassenlehrer, wie ich damals in der elften Klasse meinen Klassenlehre mit der Schultasche weg gehauen habe und so die Schulzeit schwungvoll und ohne Abschluss beendete.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Die zweite Stunde wurde ein Riesenerfolg und verging wie im Flug.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Zuerst erschienen in &lt;a href=&quot;http://antsinp.antville.org/stories/1074992/&quot;&gt;dem Herrn Paulsen sein Kiosk&lt;/a&gt;&lt;/em&gt;</description>
		<pubDate>Sa, 19 Mär 2005 15:53:00 CET</pubDate>
	</item>
	<item>
		<title>Baby sein 62</title>
		<link>http://bytebaby.com/item.php?i=8</link>
		<description>Wir Babys haben es nicht leicht. Kaum entwöhnt der Brust entnervter bis liebestrunkener Mütter, müssen wir am Übereifer stolzer Väter leiden und das Laufen auf krummen Beinen lernen. Manche lassen uns gar stehen auf diesen schrecklich hohen, schrecklich wackeligen Beinen und lachen uns aus. 
&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;remind8.html#read&quot;  style=&quot;border:0;&quot;&gt;&lt;img style=&quot;padding-top:4px;&quot;   src=&quot;images/e276910a7b4d886105b95d8c5ec7eb28.jpg&quot; width=&quot;102&quot; height=&quot;80&quot; alt=&quot;Read the Story&quot; /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
Kaum sind wir auf der Welt, müssen wir an die Brust, und haben wir uns an sie gewöhnt, wird sie uns entzogen. Später dann der erste Zahn und wenn er nicht pünktlich kommt, ist was nicht in Ordnung, und wenn er kommt, verfluchen sie ihn alle, nein, nicht den Zahn, uns Babys, dass wir uns so anstellen müssen, echte Babys weinen nicht. Dazwischen, wenn sie satt sind und frei haben, verlangen sie uns Höflichkeiten ab, blöd grinsen, wenn Besuch da ist, auf gute Laune machen, damit die buckelige Verwandschaft den Stunk nicht riecht.  
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;div align=&quot;center&quot;&gt;&lt;img src=&quot;images/09d0232991a79a9b577cb7676f53942f.jpg&quot; width=&quot;296&quot; height=&quot;400&quot; alt=&quot;Ein Opferbaby&quot; /&gt;&lt;/div&gt;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Nicht zu vergessen, die vielen kleinen Gefängnisse, in die sie uns stecken! Laufsitze und der Laufstall erst! Und wenn wir schreien, einfach die Tür zu. Am schlimmsten sind die, die unsere Kacke nicht leiden können, die sorgen dafür, dass wir sauber sind, bevor wir Mama sagen können. Nackt auf einen Topf gesetzt, obwohl wir absolut gar nicht müssen - als ob unsere Verdauung dem Gong der Tagesschau oder dem Sandmännchen folgen müsse -, flankiert mit penetraten Beschwörungen in einer unbekannten Sprache und ihre Vermutung, wir würden viel mehr verstehen als wir sprechen könnten, weshalb sie keinen Spaß verstehen, wenn wir noch ein letztes Mal in die Windel machen wollen.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Ständig werden wir mit Ansprüchen unzufriedener Eltern konfrontiert, die an Wahnvorstellungen leiden. Was bleibt uns anderes übrig, als ihnen &lt;em&gt;extra&lt;/em&gt; die Ohren vollzuschreien, auf Kostüme und Nierentische zu kotzen und &lt;em&gt;bockig&lt;/em&gt; Hosenscheisser zu bleiben, solange es nur geht. Schliesslich haben wir auch eine Würde.</description>
		<pubDate>Mi, 16 Mär 2005 16:41:00 CET</pubDate>
	</item>
	<item>
		<title>Die erste Gitarre oder immer nur "Solis"</title>
		<link>http://bytebaby.com/item.php?i=3</link>
		<description>Wie ich mit meiner ersten Gitarre ins kalte Wasser sprang, einen Verstärker improvisierte und die Soli von Muddy Waters in Grund und Boden spielte, ohne je einen Akkord geübt zu haben.
&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;remind3.html#read&quot;  style=&quot;border:0;&quot;&gt;&lt;img style=&quot;padding-top:4px;&quot; src=&quot;images/12556116dbec5e2a2b3e37308be887f1.jpg&quot; width=&quot;102&quot; height=&quot;80&quot; alt=&quot;Read the story&quot; /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
Im Sommer 1977 war ich bei Karstadt und sah eine Gitarre für 179 DM. Der Preis lag zwar nicht im Rahmen meines ersten Azubilohns, aber ich war fest entschlossen, hatte ich doch eine Oma, die sich überreden ließ. 
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;div align=&quot;center&quot;&gt;&lt;img src=&quot;images/a1bd10aff234fd506d0f350bad7a958e.jpg&quot; width=&quot;340&quot; height=&quot;499&quot; alt=&quot;Gitarrenboy&quot; /&gt;&lt;/div&gt;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Wenig später hielt ich sie als mein Eigen und herzklopfend in den Händen. Vorher konnte ich dem Verkäufer noch ein Kabel abbetteln, das mir aber nicht weiterhalf, da ich keinen Verstärker besaß. Entsprechend mikrig klangen die ersten Töne, die die Familie _extrem_ verständnisvoll wahrnahm. Meiner Mutter entlockten sie Worte wie Spinner und Polizei. Später drohte sie mit Enteignung und Herzversagen.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Zum Glück hatte ich einen Plattenspieler, auf den ich vor dem Kauf schon baute. Das war ein roter mit abnehmbarem Deckel, in dem der Laufsprecher eingebaut war. Da ich was weg hatte von Spielereien mit elektrischen Teilen jeder Art - meine erste Klimaanlage  bestand aus einem ausgebauten Staubsaugermotor - hoffte ich, verzerrte Töne mit einem Adapter Marke Eigenbau zu erzeugen. Mit viel Lötgeschick gelang es mir, den Verstärker des Plattenspielers anzuzapfen. Der keuchte arg verzerrt und entlockte mir Triumpfgefühle der nie gekannten Art.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Da der Weg von der Küche zum _Kinderzimmer_ recht kurz war, wurde das Aufheulen und Schimpfen meiner Mutter schnell lauter, während ich entzückt in die Seiten hackte und mich als Gitarrenstar imaginierte,  wobei das Stimmen der Gitarre keine Rolle spielte. Später erfuhr ich, dass sich die Gitarre nicht wirklich stimmen ließ. Ich erfuhr auch, dass es günstige Vorverstärker zum Selberbauen im Elektronikladen gab. Das machte mir  Mut. Denn die Verzerrungen meines Plattenspielers reichten nach kurzer Zeit nicht mehr aus, um mein Bedürfnis nach harten Tönen zu befriedigen. Zudem war meine Theorie, dass sich die falschen Töne durch extremste Verzerrungen verschönern liessen.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Ich war solobesessen. Manche LP tat ich als Fehlkauf ab, weil kein langes Gitarrensolo darauf zu hören war. Dann war die Enttäuschung groß. Als ich dann den Blues entdeckte, war ich hin und weg. Muddy Waters erzeugte Schübe von Gänsehautwellen und Nachahmungstriebe. Ich versuchte seine Soli nachzuspielen, was ich ungefähr nach einer Stunde für lange Zeit aufgab. Mir fehlte alle Kenntniss der einfachen Harmonielehre. 
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Mir dämmerte, dass ich etwas lernen müsse. 12 Takte und wie man eine Gitarre stimmt. Das kam später, als ich mir ein Stimmgerät leisten konnte und mit neuem Mut an ein Buch von Peter Bursch ging. Aber Akkorde interessierten mich kaum, nur _Solis_, immer nur Solis.  - &lt;a href=&quot;http://ralph-segert.de&quot;&gt;bytebaby&lt;/a&gt;</description>
		<pubDate>Fr, 18 Feb 2005 03:05:00 CET</pubDate>
	</item>
	<item>
		<title>Die Siedlung oder der Rest vom Leben</title>
		<link>http://bytebaby.com/item.php?i=2</link>
		<description>Erinnerungen an meine Jugend in den siebziger Jahren und an das Leben in einem kleinen Ghetto namens Herzogstraße in Bochum. &lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;remind2.html#read&quot; title=&quot;read the story&quot; style=&quot;border:0;&quot;&gt;&lt;img style=&quot;padding-top:7px;&quot; src=&quot;images/6de1c2677295c4bed1e41babb94d5fa1.jpg&quot; width=&quot;102&quot; height=&quot;80&quot; alt=&quot;Read the Story&quot; /&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
Typisch für die Siedlung an der Herzogstraße in Bochum - die von den Anderen Sonnenburg und Asozialenasyl genannt wurde - waren &quot;die Junggesellen&quot;, die auf dem Foto eine Kiste  ihres Grundnahrungsmittels zu ihren Kollegen trugen.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;div align=&quot;center&quot;&gt;&lt;img src=&quot;images/3130b762fe224e79315a45448e16632d.jpg&quot; width=&quot;465&quot; height=&quot;473&quot;  alt=&quot;Die Junggesellen&quot; /&gt;&lt;/div&gt;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Ein alter Bochumer würde wohl erkennen, was für eine Biermarke sie gemeinsam &quot;beschlagnahmt&quot; hatten. Das war ein mittlerweile eingestampftes Gebräu namens &quot;Fiege Export&quot;, das wohl alle vorlauten Jungs in der Siedlung irgendwann einmal hastig und heimlich durch ihre jungen Kehlen rinnen liessen. 
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
So ein vorlauter Junge war mein Bruder, halt wie die meisten in der Siedlung. Auf dem Bild nutzte er die Gelegenheit, um sich mit seiner giftgrünen Jacke vorzudrängeln, denn ein Fotoapparat in der Nähe war etwas besonderes und für einen guten Platz im Bild, lohnte es sich zu kämpfen. Die beiden Junggesellen blieben ruhig, wie fast immer. Überhaupt war die Männer-WG in der Siedlung ein stoischer Haufen zwischen großen, verarmten Familien, nicht anders hätten sie auch die Respektlosigkeiten der Rumtreiber-Banden aushalten können, die täglich ihre frechen Schnauzen zum Besten gaben und sich manchen mehr oder weniger gemeinen Streich ausdachten.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;div align=&quot;center&quot;&gt;&lt;img src=&quot;images/638da0db89e8c47eb220479341aafd65.jpg&quot; width=&quot;419&quot; height=&quot;578&quot; alt=&quot;Zweikampf auf dem Bolzplatz&quot; /&gt;&lt;/div&gt;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Rumtreiber-Banden bildeten sich notwendigerweise, denn wir waren immer draußen. In der Wohnung war es zu eng und wenn alle da waren, war in der Küche oder im Kinderzimmer die Hölle los. Meistens suchten wir freiwillig das Weite. Mit dem Klapprad nach Holland, das war kein Problem, spontan versteht sich. Es gab Tage, da liefen wir unsere 30 Kilometer durch Bochum, um Verwandte am anderen Ende der Stadt zu besuchen, stellten im Dauerlauf Rekorde in Klingelmännchen auf und spielten Abends noch 2 Stunden Fußball auf steinhartem Bolzplatz. Diesen verließen wir nicht selten mit aufgerissenen Knien und Ellbogen. Denn manche gemeinen Hunde stellten Dir im vollen Lauf ein Bein und dann hörte man Dich hart rutschen, danach dann hassen und manchmal auch weinen.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Die Siedlung war ein Kosmos für sich. Als &quot;städtische Wohnunterkunft&quot; bot sie Ausgegrenzten und kinderreichen Familien eine preisgünstige Wohnung ohne Mietvertrag und somit auch ohne Rechte. Der Verwalter durfte jederzeit die Wohnungen betreten, was er tunlichst zu vermeiden wusste. Besuch war nur bis 22 Uhr erlaubt, was aber niemand wirklich kontrollierte. Auch Telefonanschlüsse waren lange Zeit nicht vorgesehen, entsprechend nicht erlaubt. 
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;div align=&quot;center&quot;&gt;&lt;img src=&quot;images/be07695723af91a02bad1dedca48d750.jpg&quot; widt
h=&quot;492&quot; height=&quot;355&quot; alt=&quot;Die Bande&quot; /&gt;&lt;/div&gt;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Die Stadt Bochum machte Sozialpolitik mit einem Drei-Stufen-System. Stufe 3 war die letzte Stufe. Darin verlegte die Stadt die &quot;Problemfälle&quot;,  die dort in Zwei-Zimmer-Wohnungen hausten und zwei- oder dreimal in der Woche für 50 Pfenning in den gemeinsamen Duschraum durften - auch &quot;Gaskammer&quot; genannt. Manchmal gab es auch regelrechte Strafverlegungen in diese letzte aller Siedlungen namens Zillertal. Sie war besonders verrufen und bochumweit bekannt. Von hier aus gingen sozusagen alle Verbrechen der Welt aus und selbst die Bewohner der zweiten Stufe fühlten sich als etwas besseres. Nein, sie seien sicher keine Unschuldsengel aber auch kein Pack wie dieses. 
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
In der Stufe 2 wohnten wir, in der Siedlung Herzogstraße. Auch der sah man von weitem das kleine Ghetto an. Vier rote Backsteinblöcke reihten sich hintereinander, abgegrenzt durch den Bolzplatz, eine Steinfabrik, den Zaun eines Bauern und eine Strasse mit großen Feldern daneben, die zu Kleingärten führten, die im Sommer Opfer von Plünderungszügen wurden.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;div align=&quot;center&quot;&gt;&lt;img src=&quot;images/6d61afbd62e49be494d92c9cf0091cfb.jpg&quot; width=&quot;361&quot; height=&quot;485&quot; alt=&quot;Treppenaufgang&quot; /&gt;&lt;/div&gt;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Es gab Aufgänge zu 3 Etagen, die aus langen Gängen bestanden, die Zugang zu den grauen Eisentüren boten. Aber immerhin hatten wir die Dusche in der Wohnung und dazu drei statt zwei Zimmer, so dass wir es mit sieben Personen auf 54 Quadratmetern vergleichsweise gut hatten. 
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Auch wohnten wir im zweiten &quot;Bau&quot;, so wurden die Blocks immer genannt (wie die Sprache sich eben den Gegebenheiten anpasst). Dieser Block war etwas besonderes, denn dort wohnte der Verwalter, der manchmal mehr soff als die Junggesellen und sich ansonsten nur in wirklich harten Fällen zum Einschreiten genötigt sah. Sein Sohn war mein bester Freund und wir teilten später die Mofaleidenschaft, verliebten uns zugleich in dasselbe Mädchen und lernten zur gleichen Zeit Elektriker. 
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;div align=&quot;center&quot;&gt;&lt;img src=&quot;images/abf8ba75b787e71362084f5246852ec6.jpg&quot; width=&quot;489&quot; height=&quot;342&quot; alt=&quot;Vogelpause auf dem Balkon&quot; /&gt;&lt;/div&gt;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Der vierte Bau war gegenüber dem zweiten Bau völlig verrufen in der Siedlung. Dort wohnten die &quot;Zigeuner&quot; und von dort kamen auch immer die Läuse her. Das behauptete nicht nur meine Mutter, wenn sie uns schimpfend die kleinen Viecher auswusch und -kämmte. Im vierten Bau war auch am häufigsten die Polizei, denn dort wohnten ja nur Verbrecher. Und tätsächlich endete manche Verfolgungsjagd der Polizei am letzten Bau und öfter hörte man dort das Schreien oder Weinen von Frauen, die geschlagen wurden. Aber wenn ich mich recht erinnere, wurden in jedem Bau Frauen geschlagen. Die rächten sich manchmal mit geheimen und ausdauernden Hetzereien, die hier und dort mit nächtlichen Eierwürfen gegen Fenster oder in Familienschlägereien endeten. 
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;div align=&quot;center&quot;&gt;&lt;img src=&quot;images/5fb7bf9a8c351ec0456ff3e11237606b.jpg&quot; width=&quot;480&quot; height=&quot;346&quot; alt=&quot;Nach dem Familienbesuch&quot; /&gt;&lt;/div&gt;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Die Stufe 1 der Bochumer Sozialpolitik habe ich nie richtig kennengelernt. Ich weiss nur, dass es dort eher einen Telefonanschluss gab und dass die Häuser dort fast normal aussahen. Trotzdem wusste der ganze Stadtteil Langendreer, dass dort die Asozialen, Kriminellen und Säufer wohnten. Und wir hatten sogar die Junggesellen, die sich in ihrer WG den Rest vom Leben gaben. - &lt;a href=&quot;http://ralph-segert.de/index.html&quot;&gt;bytebaby&lt;/a&gt;</description>
		<pubDate>Di, 15 Feb 2005 23:50:00 CET</pubDate>
	</item>
	<item>
		<title>About - de | en</title>
		<link>http://bytebaby.com/item.php?i=1</link>
		<description>An old photo you are inspired by, a forgotten story you have
rediscovered and like to write about - issues like these will make
the  bytebaby grow. Photos and stories of bloggers and netizens
remembering times and experiences seeming long ago at a first
glance and kind of near at a second one. &lt;a href=&quot;http://ralph-segert.de&quot;&gt;write me&lt;/a&gt; if you are interested.
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
Ein altes Foto, das Euch gefangen nimmt, eine vergessene Geschichte, die Ihr erinnert und aufschreiben wollt, das sind die Beiträge, mit denen das bytebaby  wächst. Fotos und Geschichten von Bloggern und Netizens, die sich erinnern an Zeiten und Erlebnisse, die zuerst weit weg und dann doch nah sind. &lt;a href=&quot;http://ralph-segert.de&quot;&gt;Schreibe  mir&lt;/a&gt;, wenn Du interessiert bist.</description>
		<pubDate>So, 13 Feb 2005 02:25:00 CET</pubDate>
	</item>
</channel>
</rss>
